Er hatte sich durch die Nacht geschlagen. Nacht für Nacht ein neues Lager bezogen und Tag für Tag die Tiere des Waldes gejagt und sich am Feuer gestärkt. Es lief nicht gut, nicht schlecht und absolut nicht recht. Keine Spur, die er verfolgen konnte. Kein Ziel, dass er endlich angreifen sollte.
Mit jeder Nacht, jedem Aufzug der silbernen Scheibe am Himmel, wurde er unruhiger.
Innerlich brannte es, verzehrte es ihn nach einer Leidenschaft und erwachte eine Gier, ein Hunger, die ihm bis jetzt noch nie begegnet war. Es konnte nicht mehr lange dauern. Ein, zwei, vielleicht drei Nächte, dann wäre der Mond im Vollbesitz seiner Kräfte. Der Vollmond, vorher so wichtig wie das Gewitter in der Nacht, würde nun eine Antwort aus seinem Innern hervorrufen. Dabei störte ihn dieser Umstand gar nicht. Es könnte ihm die Macht geben, Elise aufzuspüren, sie der verdienten Rache zu zuführen und nebenbei würde er es noch mit dieser Hexe aufnehmen können.
Es gab nur ein Problem, das er selber herbei geführt hatte. Einen Umstand, der nicht zu dem restlichen Weg passte. Und doch hatte er akzeptiert, dass es nicht mehr anders ging.
5 Tage, 5 Nächte, war er umher gestreift. Nichtwissend, wo zu suchen. Weniger noch, wo zu finden. Er wusste was er wollte, wusste, was passieren sollte und wusste es doch wiederum auch nicht.
Sie ging ihm nicht aus den Gedanken. Immerzu sah er ihr Bild vor Augen. Nein, nicht Elise. Das wäre er gewohnt gewesen. Das von Hass und Wut umrandete Bild der Widersacherin. Sanft lächelnd, die Augen glitzernd, bis er sie in den Tod schicken würde und sich die Verblüffung als Letztes in ihre Miene brannte.
Was ihn beschäftigte, Bilder von Momenten schickte, das war nichts Hasserfülltes. Nichts, was ihn antrieb, die Kraft der Rache stärkte, sondern ihn nur verwirrte und schwächte. Es wusste nicht, was es war, das sie in seinem Verstand verewigt hielt. Gesehen hatte er sie doch nur für Momente. Gesprochen nur in einzelnen Sätzen.
Schüchtern war sie gewesen, abgeschottet und auf Distanz. Er verstand es, sah die Verletzungen in den Augen. Den Blick nur für Sekunden gehoben und dann rasch wieder hinab gesenkt. Ein Versuch, das Vorpreschen und im eigenen Eifer der Hilflosigkeit wieder ausgebremst.
So oft hatte er die letzten Nächte am prasselnden Feuer gestanden. Sich jede Miene, jede Geste, jedes Wort noch einmal genau angesehen.
Er musste gehen. Er war eine Gefahr und doch war er ihr die ganze Zeit Nahe gewesen. Jede Sekunde, Minute oder Stunde, die er in Entfernung verbracht hatte, war er doch nur bei ihr gewesen.
Seit damals, den unendlichen 6 Jahren, die er auf der Suche nach Elise verbracht hatte, angetrieben von den Gedanken an Rache, für das, was sie seiner Frau angetan hatte, war er nie einsam gewesen. Sein Herz war dunkel, kalt und er erbarmungslos gewesen. Aber seit fünf Tagen war da etwas Anderes in ihm. Etwas, das er nicht mehr kannte. Etwas, das nicht verdunkelte. Und das verwirrte ihn mehr, als er es verstehen konnte.
Er hatte nur ein Ziel gehabt. Nur einen Gedanken.
Elise…
All die Jahre hatte er nur daraufhin gearbeitet.
Und jetzt? …
Er war umgekehrt, hatte sich durch die Wälder den Weg zurück gebahnt. Und wie es der Zufall wollte, fand er nicht die Häuser wieder.
Nein, was ihn erwartete, war ein knisterndes Feuer.
Die Flammen hoch erhoben zum schwarzen Nachthimmel.
Nur eine Frau konnte dies als Zeichen in der sonst nur von Tieren bewohnten Wildnis hinterlassen. Naiv, unschuldig und nicht der Gefahr gewahr, die dort lauern konnte.
Im Schein, goldig funkelnd, da saß sie auf dem Stein. Das Kleid in Falten zur Erde, den Blick in die Flammen gerichtet.
Wie schon zuvor, hatte sie die wilden Locken in Strähnen zum Hinterkopf gebändigt. Wissend, dass sie niemals nachgeben würden.
Das Gehölz knackte, als er aus dem Gebüsch trat. Sie blickte auf, nicht erschreckt, und fing seinen Blick auf. Für den Bruchteil einer Sekunde huschte ein Lächeln über ihre Züge, die Augen sprachen von selber in eigenen Tönen.
Er verharrte, regungslos, konnte nicht einen Schritt mehr tun und blickte in diese Fenster zur Seele, die ihn in seinem Innersten berührten. Er war verloren, verdammt und geknechtet an die aufbrausenden Wirbel, die auf diese Berührung antworteten. Er, in eiserner Rüstung, mit Waffen bepackt, die den Bestien zur Vollstreckung dienen sollten, zögerte. Sie wandte sich ab, blickte erneut in die Flammen.
Kein Wind ringsum, kein Vogel und kein Tier, das auch nur einen Laut in die Nacht hinaus schickte. Die Blätter schwiegen im gleichen Zuge mit der wilden Natur, die nun gezähmt zu sein schien.
Er fasste alle Kraft, die seinen Körper in Heerscharen triumphieren ließ, zusammen und vollführte die Schritte zum Feuer, nach dem es ihn verzehrte.
Eine Nacht, sollten sie nur diese haben, so wäre sie seine Asche wert. Denn er ahnte bereits, dass einmal losgelassen, selbst ein Schicksal das Feuer würde nie mehr endgültig löschen können. Er war ein Opfer und doch so viel mehr als das. Ein Scheit im Feuer, das aus Zweien nur brannte. Der Funke war geschlagen, die Flammen geschürt. Eine Glut, die der Erfüllung bedurfte.
Eine Nacht nur, und sollte es auch die Letzte sein.




















































